Evangelische Kirche A.B. in Kronstadt

Teppichsammlung

Der Innenraum der Schwarzen Kirche wird von der bunten Pracht der hier ausgestellten etwa 110 Orientteppiche beherrscht. Auch ein Laie auf diesem Gebiete wird von der Vielfalt der Farben und Muster dieses so ungewohnten Schmuckes beeindruckt, der Fachmann und Liebhaber aber fasziniert sein.

Weshalb aber hängen diese rein anatolischen, ottomanischen Produkte in der südosteuropäischen, christlichen Schwarzen Kirche? Und wie kamen sie dorthin?

Die Antwort auf diese Fragen fällt nicht leicht, da es keine Quellen darüber gibt. Dadurch war der Weg für "historische Folklore" bereitet. Bis heute ranken sich viele unbestätigte Ansichten um die Herkunft der Teppiche. Tatsache ist jedoch, dass sich schon in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts in den „Zwanzigstel-Rechnungen“, d. h. den Zollregistern der Stadt Kronstadt/Braşov – der Zoll betrug damals den zwanzigsten Teil des Warenwertes – Hinweise auf die Einfuhr von „türkischen“ Teppichen in nicht geringen Mengen finden. Diese dienten, wie im ganzen Abendland, als Raumschmuck und Statussymbol im Rathaus und in den Kirchen, wo sie die Gestühle und Plätze der Patrizier und Zunftmeister schmückten, aber auch als Sitzunterlage. Damit sie in die engen Gestühle hineinpassten, wurden sie oft der Länge nach zerschnitten, was nicht gerade von hoher Wertschätzung zeugt.

Nach der bilderfeindlichen Reformation ist anzunehmen, dass die Teppiche an Stelle der aus dem Innenraum verbannten Heiligenbilder und Altäre in den reformatorischen Kirchen als Wandschmuck dienten. Auf einigen finden sich Inschriften, die bezeugen, dass diese Exemplare der Kirche geschenkt wurden.

Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging das Verständnis für diese Kunsttextilien verloren, aber zu dieser Zeit entdeckten Kunstkenner ihre Ästhetik und begannen, Teppiche zu sammeln. So durchzogen Aufkäufer auch Siebenbürgen und plünderten viele Sammlungen. Die sächsischen Kirchengemeinden, die einen bedeutenden Besitz an Teppichen hatten, erlagen diesem Trend dank ihrer konservativen Einstellung weniger als zum Beispiel viele ungarische reformierte Gemeinden und Adlige, in deren Wohnsitzen sich auch eine bedeutende Anzahl an Orientteppichen befand. Erst im 20. Jahrhundert sind wir über Verkäufe von Teppichen aus sächsischen Kirchengemeinden informiert.

In einem Inventarbericht der Schwarzen Kirche aus den 1830er Jahren wurden nur 39 Teppiche erwähnt, am Ende des Jahrhunderts waren es dann über 110. Das erklärt sich nur so, dass die Teppiche aus dem Besitz der Zünfte nach deren Auflösung (1876) und wohl auch von Privatleuten stillschweigend in den Besitz der Kirchen übergegangen sind, denn es existieren keine schriftlichen Aufzeichnungen darüber.

Am Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das Presbyterium (Kirchenrat) der Kirchengemeinde den Zeichenlehrer E. Kühlbrandt mit der Inventarisierung der Kunstgegenstände der Kirche, darunter auch der Teppiche. Kühlbrandt trat mit dem damals bekanntesten Teppichfachmann, Prof. A. Riedl aus Wien, in Verbindung, der den Wert der Sammlung erkannte und auf eine sach- und fachgerechte Aufbewahrung drängte. Zu dieser Zeit wurden die Teppiche andernorts eingelagert oder öffentlich versteigert. Die große Gewerbeausstellung in Budapest 1914, zu der aus Kronstadt 39 Teppiche geschickt wurden, trug zur Sensibilisierung für diese exotischen Kunstprodukte bei. Aus diesem Anlass wurden die Teppiche zum ersten Mal gewaschen und teilweise restauriert.
Heute umfasst die Sammlung 156 Exemplare, unter ihnen auch Fragmente.

 

Klassifizierung und Datierung


Auch heute sind sich Fachleute in vielen Fällen nicht einig, wie die einzelnen Teppicharten zu ordnen und wann sie entstanden sind.

Die meisten Teppiche in der Schwarzen Kirche werden als „Siebenbürger“ bezeichnet, weil sie sich so in großer Anzahl und in vielen Varianten in Siebenbürgen erhalten haben. Diese Gruppe wird vor allem von den sogenannten Doppelnischenteppichen beherrscht.

Siebenbürger Doppelnischenteppich, Kat. 76

Es folgen die Nischen- und Gebetteppiche, die sich nur durch den Schmuck des Feldes unterscheiden.

Siebenbürger Nischenteppich, Kat. 143
Siebenbürger Gebetteppich, Kat. 148

Eine andere Gruppe sind die „weißen“ Teppiche, zu denen die „Tschintamani-“, „Vogel-“ und „Skorpion-Teppiche“ gehören, deren Namen von den vorherrschenden Motiven abgleitet werden. Es ist zu bemerken, dass auch die Muster der „Vogel-“ und „Skorpion-Teppiche“ auf stilisierte florale Motive zurückgehen.

Selenditeppich mit Tschintamanimotiv, Kat. 48
Vogelteppich, Kat. 60
Skorpionteppich, Kat. 66

Eine besonders beeindruckende Gruppe sind die Säulenteppiche, die von architektonischen Motiven beherrscht werden. Neben diesen haben sich noch in geringerer Anzahl Teppiche erhalten, die den Namen berühmter Maler der Renaissance und des Manierismus tragen, wie Lotto, Bellini, Ghirlandaio, Holbein u. a., auf deren Gemälden ebensolche Teppiche abgebildet sind.

Sechssäulenteppich, Kat. 201
Lottoteppich, Kat. 16

Die Zeit ihrer Entstehung geht bis in das 15. Jahrhundert zurück, der Großteil stammt aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts, das 19. Jahrhundert ist nicht mehr vertreten. Die Teppichsammlung der Schwarzen Kirche ist nach der des Museums Top Kapi in Istanbul weltweit die größte. Die meisten der Teppiche sind in gutem bis ausgezeichnetem Zustand. Dieses ist vor allem der ehemaligen landeskirchlichen Teppichwerkstatt, die unter der Leitung von Era Nussbächer Entscheidendes dazu beigetragen hat, zu verdanken.

Demnächst erscheint die deutsche Ausgabe des Bandes „Antike Ottomanische Teppiche in Siebenbürgen“ von Ştefan Ionescu im Handel. Er ist nach dem Monumentalwerk von Emil Schmutzler „Anatolische Teppiche in Siebenbürgen“ aus dem Jahre 1933 die erste umfassende Arbeit, nicht nur über die Teppiche der Schwarzen Kirche, die zum ersten Mal alle abgebildet sind, sondern auch über die bedeutendsten Sammlungen aus Siebenbürgen überhaupt.
Erwin Hellmann