Evangelische Kirche A.B. in Kronstadt

Orgelmusik

Die erste Orgel der Marienkirche (Schwarze Kirche) die schriftlich erwähnt wird, stammt aus dem Jahre 1499. Es ist anzunehmen, dass es auch vorher schon Orgeln gab. In Kronstadt wird 1427 ein Organist erwähnt oder auch 1429 in Marienburg bei Kronstadt. Auf der Orgel von 1499 spielte Hieronymus Ostermeyer bis zum Jahre 1551. Seine Kunst war weitgerühmt. Die Musik hatte zu der Zeit eine erstaunlich hohe Rangordnung. Gleich nach dem Rektor der Schule stand der Schul- und Kirchenkantor. Organisten hatten einen gehobeneren Stand als andere Musiker wie Stadtpfeifer oder Musikanten und waren bei Nobilitierungen bevorzugt.

Im Jahre 1594 wird die Orgel umgeändert (ein Neubau ?), Michael Hermann ist wohl der bekannteste Organist in dieser Zeit. Eine Erweiterung der Orgel gab es 1673 (16 Jahre vor dem verheerenden Stadtbrand von 1689), eine zweite Orgel stammte aus einem Kronstädter Kloster und kam nach der Reformation in die Marienkirche, wo sie im Altarraum stand. Auf diesem Instrument spielte Daniel Croner, der auch eine Sammlung von Stücken für Tasteninstrumente herausgab, Kompositionen die er auf seinen Wanderungen durch Europa sammelte. Aus den Resten der abgebrannten Orgel und Neuzugängen schafft der berühmte Johannes Vest eine Orgel mit Standort im Altarraum (angelehnt an die Mauer der oberen Sakristei). 1728 schenkt der Kürschner Croner der Kirche ein Positiv. 1836 ist dann der Platz auf der Westempore frei für die neue Buchholzorgel, die 1836 - 1839 erbaut wurde.

Nach ihrer Erbauung gehörte die Buchholzorgel zu den bedeutendsten Orgeln Europas. Die Substanz ist so gut wie vollständig erhalten, weil nichts vom Pfeifenbestand verloren gegangen ist und die geringfügigen Veränderungen rückgängig gemacht wurden. Auch die originale Stimmtonhöhe und der Winddruck wurden auf den Ausgangszustand rückgeführt.

Die Chororgel der Schwarzen Kirche wurde 1861 von Carl Hesse aus Wien für die nordsiebenbürgische Gemeinde in Lechnitz gebaut. Von da kam sie 1907 nach Paßbusch und nach 80 Jahren in desolatem Zustand nach Kronstadt. 1997 wurde sie von der Firma Stemmer/Zumikon vorbildlich restauriert und wird sinnvoll in Gottesdiensten und Konzerten genutzt. Sie hat ein Manual mit angehängtem Pedal, 8 Register und ist nach italienischem Vorbild mit weichen Flötenstimmen und geteilten Einzelzügen für die Mixtur disponiert. Der Kammerton ist auf 440 Schwingungen gestimmt, während die Buchholzorgel ungefähr bei 450 liegt. Orchesterinstrumente, besonders Bläser, können nur mit der Hesseorgel begleitet werden. In Siebenbürgen sind noch mehrere Orgeln von Hesse erhalten: So in Meschen, Hermannstadt, Birthälm u.a.
Hans Eckart Schlandt

Der Orgelbauer Carl August Buchholz

Fast ein Jahrhundert (1788 - 1885) lang lebten und arbeiteten drei Generationen von Orgelbauern der Familie Buchholz in Berlin. Der Vater, Johann Simon Buchholz ist durch seine Lehre bei Adam Rietz, Johann Wilhelm Grüneberg und Ernst Marx gewiss als ein Vertreter der spätbarocken Orgelbaukunst anzusehen, während sein Sohn Carl August Buchholz den Übergang zu der frühromantischen Klangwelt schafft. Unter ihm sollte die Firma erblühen. Ober 100 Neubauten, von einmaligen seitenspieligen Instrumenten bis zu den viermanualigen 32 Orgeln in Berlin (St. Nicolai) und Kronstadt, wurden aufgestellt. Beide liegen jedoch in der Tradition des großen Berliner Vorbildes: Joachim Wagner. Dieser hatte durch seine Werke (insbesondere durch die Orgel der Marienkirche (1721) in Berlin, die Carl August Buchholz restaurierte) Instrumente geschaffen, welche auch gut 100 Jahre später den damaligen Orgelbauern als Modell dienten. Der dritte in dieser Reihe, Carl Friedrich Buchholz, hatte nicht die gleiche Schaffenskraft wie sein Vater und überlebte diesen auch nur um 6 Monate. Er ging unter anderem zu dem französischen Orgelbauer Cavaille Coll in die Lehre und brachte von hier die Bauart der französischen Zungen sowie etliche Bauweisen für pneumatische Steuerungen mit. Mit ihm erlosch die Firma Buchholz, die in weite Teile Vorpommerns, nach Schlesien, in den Berliner Raum und (!) nach Kronstadt Instrumente höchster technischer Qualität und von meisterhafter Intonation geliefert hatte.

Von diesen Zeugnissen frühromantischer Orgelkultur sind leider nur noch Bruchstücke erhalten geblieben. In Berlin zum Beispiel sind von den etwa 20 C. A. Buchholz Orgeln, die einmal da standen kaum noch Teile davon übrig geblieben. Was nach Umbauten, Veränderungen und Umintonationen übrig geblieben war wurde im Krieg gänzlich zerstört. Eine einzige Orgel hat sich hier halten können (heute im Privatbesitz). In Vorpommern sind es eher die abgelegenen Dorforgeln, die heute noch unverändert den Geist der Buchholzschen Klangwelt bergen. Einige Restaurierungen bringen diese Klänge wieder auf ihre ursprüngliche Frische zurück und die anspruchsvollen Renovierungsprojekte in Barth und Stralsund zeigen das Interesse an dem Werk dieses Orgelbauers.
Durch sein Zusammenwirken mit dem Architekten Karl Friedrich Schinkel und den Organisten August Wilhelm Bach und Carl August Haupt entsteht eine glückliche Symbiose zwischen Orgelprospekt, Disposition und technischer Ausführung. A. W. Bach war unter anderem auch der Orgellehrer des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Was Carl August von seinem Vater unterscheidet ist die kräftigere, rundere Intonation, die er seinen Orgeln gab. Desgleichen baute Carl August Buchholz einen größeren Umfang sowohl im Manual als auch im Pedal. Auch die Verwendung des Schwellwerkes, wenn auch in einer sehr frühen Form, finden wir in diesen Orgeln. Er kann auch als der Erfinder der so genannten "Keilschleife" gelten, die nur die Firma Buchholz verwendete. Dieses System bewährte sich wiederholt unter schweren klimatischen Bedingungen, wie stark schwankender Feuchtigkeit (z.B. in der Nähe von Gewässern) und kann als Erkennungsmerkmal der Buchholz Bauweise dienen. Inzwischen sind auch alle Orgeln der beiden Buchholz Schüler Carl Schneider und Heinrich Meywald, die in Siebenbürgen bauten, mit diesem System identifiziert worden. In der Intonation ging er, so nach einem Bericht von C. A. Haupt, nie über die Grenze des natürlichen hinaus und forderte nur das einer Pfeife ab, was sie ihrer Natur nach hergeben konnte. Dadurch erleben wir den Klang dieser Orgeln niemals in aufdringlicher Weise und eine edle, ruhige, silberne Leuchtkraft geht von dem Plenum so einer Orgel aus.
Interessanterweise korrespondieren die Dispositionen des Haupt und Oberwerkes bei großen Instrumenten zu weiten Teilen mit denen der Marienorgel von Joachim Wagner. Diese Orgel hatte Buchholz im Jahre 1829 weitgehend zurückgeführt nachdem sie nach dem Prinzip von Abbé Vogler simplifiziert wurde. Ein anderes Großprojekt, wo wir Buchholz als einen einfühlsamen Restaurator kennen lernen, ist die Arbeit an der großen Stellwagen Orgel in der Stralsunder Marienkirche. In behutsamer Weise konservierte er schon damals wichtiges historisches Material und fügte ihr nur wenige Änderungen zu. Als Anerkennung seiner Leistungen erwies ihm die Berliner Akademie der Künste die Ehre, ihn 1851 in ihre Reihen aufzunehmen. Dabei blieb Buchholz stets ein sehr bescheidener Mensch. Er hinterließ kaum Spuren in den Orgeln die auf den Erbauer hinweisen und pries auch nicht seine Erfindungen in den Orgelzeitschriften an, wie viele seiner Kollegen es taten.
Wenn man nun seine Hinterlassenschaft betrachtet, muss man unweigerlich feststellen, dass er als Orgelbauer auf höchste Genauigkeit, Liebe zum Detail und kompromisslose Qualität bedacht war. Die Sauberkeit der Lötstellen aller Metallpfeifen in Kronstadt und die Qualität der Verarbeitung bis ins kleinste Detail und das bei edelster Intonation lassen uns diesen leider in so wenigen Werken erhaltenen Künstler in allerhöchster Bewunderung erscheinen.
Steffen Schlandt

Disposition der Buchholzorgel:

Vier Manuale zu 56 Tasten, ein Pedal zu 27 Tasten, 63 Register, 76 Registerzüge

Hauptwerk: Principal 16, Quintatön 16, Principal 8, Viola da Gamba 8, Rohrflöte 8,
Gemshorn 8, Nasard 5 1/3, Octave 4, Waldflöte 4, Spitzflöte 4, Quinte 2 2 /3,
Superoctava 2, Cimbel 3 fach, Scharff 5 fach, Cornett 5 fach

Oberwerk: Bourdon 16, Principal 8, Salicional 8, Hohlflöte 8, Gedackt 8,
Quintatön 8, Octava 4, Fugara 4, Rohrflöte 4, Nasard 2 2/3, Superoctava 2,
Mixtur 5 fach, Hautbois 8

Rohrwerk: Fagott 16, Trompete 8 , Clarinetto 8, Vox angelica 8 , Violino 8,
Rohrflöte 8, Principal 4

Unterwerk: Salicional 16, Principal 8 , Gedackt 8, Violo da Gamba 8,
Flauto traverso 8, Octava 4, Flauto 4, Viola d´ amore 4, Quinta 2 2/3,
Sedecima 2, Progressio harmonica 5 fach

Pedal: Principal 32, Principal 16, Untersatz 32, Subbass 16, Violone 16,
Principal 8, Gemshorn 8, Violone 8, Bassflöte, Nasard 10 2/3, Quinte 5 1/3,
Octava 4, Mixtur 4 fach, Contraposaune 32, Posaune 16, Trompete 8 , Cornetta 4

Impressionen der Buchholzorgel

Die vier Manuale der Buchholzorgel

Organist Eckart Schlandt an der Buchholzorgel

Prospektpfeifen

Vergoldete Fiale

Der Spieltisch der Buchholzorgel

Das Pedal

Die Hesseorgel

Blicke in das Innere der Hesse-Orgel

Blicke in das Innere der Hesse-Orgel

Der Spieltisch der Hesse-Orgel

Blicke in das Innere der Hesse-Orgel

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